2012-09-30

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Dieser Tage kam's zu diesem Thread: https://www.facebook.com/steffen.peschel/posts/397911430275619 Ich schreibe mal meine €0.02 dazu.

Zuvor: es fällt mir schwer, direkt auf FB zu antworten. Da hab' ich kein Konto und das bleibt auch erstmal so.

Lieber Steffen, Alex und Raiko, hier also meine Vision von Askemos, so wie ich sie im Jahr 2000 formuliert habe: "ein kleiner Kasten mit Festplatte, der neben die DSL-Box kommt und alle meine Daten und Kommunikation erledigt". Heute würde man sowas sicherlich mit "social network" beschreiben, den Begriff gab's damals noch nicht.

Damals war allerdings schon zu sehen, daß es sowas bald geben würde und das diese Dienste von großen Anbietern dominiert werden würden, welche dann de facto die Herren über meine Daten, Kommunikation und Programme werden würden. (Google nannte ich damals ein ausgewachsenes "grep" und erwartete, daß sowas auch für andere Programme entstehen würde.)

Nun bin ich aus der anderen Liga, jener der derart zentralisierte Systeme ein Dorn im Ange sind. Drum habe ich mir Gedanken gemacht, wie eine Infrastruktur aussehen müßte, der ich mich sozusagen anvertrauen würde. Nicht nur dezentral müßte sie sein, auch unabhängig vom Ausfall einzelner Maschinen und Fehlverhalten einzelner Personen. Ganz wichtig: Mich und meine Hardware eingeschlossen!

Auch nicht ganz unwichtig: das System sollte möglichst weitgehen "akzeptabel" sein; also möglichst wenig in Konflikt mit kulturell bedingten Präferenzen kommen. Und bitte auch nicht durch Patente etc. angreifbar sein. Und sicher gegen Manipulation, so daß man damit ggf. auch mal einen juristisch verwertbaren Beweis erbringen könnte.

"konzeptionell-philosophischen her, wird immer deutlicher, dass wir uns und unsere Umwelt konstruieren"

Ohne das Thema in's Zentrum rücken zu wollen: mindestens für unser Verständnis von uns selbst und unserer Umwelt gehe ich mit.

Nunja, bzgl. der kulturellen Beschränkungen reicht mein Wissen nur bis zu einem gewissen Grad. Und ich werde wohl oder übel akzeptieren müssen, daß es Kulturen geben könnte, in denen ich nicht existieren mag. Vergebt mir bitte die Arroganz keine Anstrengung zu unternehmen, solchen zu gefallen; es ist meine Lebenszeit.

"Die Investition in zentrale Strukturen ist eine Investitionen in zentrale Machtstrukturen und das ist nicht nur schädlich für die Freiheit des Individuums, sondern spiegelt auch nicht unsere Nutzungsgewohnheit wider."

Siehe oben - Dorn im Auge - damit hast Du ziemlich gut meine Motivation beschrieben, mich mit dem Thema zu beschäftigen.

@AlexMerz: die Hardware, die man dazu braucht, die gab's damals noch nicht. Jetzt schon. Zu dumm, ich hatte damals geschätzt, es dauert 3-5 Jahre, bis es die gibt. Daran zeigt sich übrigens ein wesentliches Problem: bei allen Erwartungen und Schätzungen, wie lange es dauern würde, bis sich etwas entwickelt hat, was ich erwarte, lag ich daneben. Es hat immer mindestens doppelt so lange gebraucht. Dabei war Hardware nach etwa dem 2-3fachen der Zeit da. Gesellschaftliche Entwicklungen noch langsamer.

Beim Softwarestack fehlt mir an Deinem Vorschlag viel... nämlich das was ich Askemos nenne.

@RaikoAust "15 Jahre Forschungsarbeit": ehrlich gesagt kann ich zwar 15 Kalenderjahre Beschäftigung mit dem Thema erkennen. Forschung war daran allerdings viel weniger; vielleicht so 7-8 (1993-2001). Den Rest nenne ich Entwicklung, Test und Verifikation (Gutachten, Diplomarbeiten, Prototypen von Anwendungen, unbedarfte Nutzer etc).

@SP "Wahrheit/Kultur/Konstruktivismus": Ich verstehe leider nicht, was diese Anmerkung sagen will. Fakt ist: die 2/3-Mehrheit dient in demokratischen Systemen ähnlich wie in anderen byzantinen Abstimmungen dazu, daß die verstandene Welt anpaßbar bleibt und sich entwickeln kann, gleichzeitig aber stabil genug ist um sich durch Referenzierung von Begriffen verständigen zu können. Können wir uns darauf einigen?

@AM "Innovativ": Natürlich war das nicht "innovativ". Ich wollte nur eine 300 Jahre alte Idee ERNST nehmen. Und das dann - small ist beautiful - möglichst einfach modellieren. Damit auch Menschen, die so beschränkt sind wie ich, es verstehen/verifizieren können. (Btw: 300jahre alte Quellen sind im Prinzip schwer durch Patente anzugreifen.) Klar konnte ich schlecht auf Cloudcomputing eingehen, den Begriff gab es ja noch nicht. Nebenbei: solche Sachen sind immer 10% Inspiration 90% Transpiration. Bei Askemos war es nur der Trick, eine Rechteverwaltung hinzubekommen, zu der es einen Beweis gibt, daß man seine Rechte nicht alle verlieren kann. Der Rest sind die 90%.

Hans-Gert Gräbe hat Askemos mal "Anti-Cloud" genannt, eben wegen der Unterschiede. Die "Cloud" so wie sie heute verstanden wird, besteht ja aus den Rechenzentren ("total 60er") voller Server und dummen Clients. Askemos hat nur eine ähnliche Struktur, in der Peers die Arbeit der Server übernehmen. Und weil so ein Peer zu billig/klein/anfällig ist, "spiegeln" sich ausgewählte Peers gegenseitig. Anführungszeichen, weil sie eben nicht spiegeln, sondern nur im Mehrheitsentscheid einen Zustand halten oder ändern; nie einer allein. (Es sei denn, zu diesem Objekt gibt es keine anderen Kopien.)

@AM "Plan 9": Ja, Plan 9 hat einige Ideen geliefert. Leider wenig Code. Und wie ich mit P9 ein System erzeuge, in dem ich weder durch Zugriff auf Hardware noch Software unzulässig manipulieren kann, das konnte ich mir nicht erklären. Im übrigen ist P9 deutlich komplizierter als Askemos und weniger liberal lizensiert.

Die Sache mit dem Labor ist ein wichtiges Argument von Dir. Damit es am Ende nicht so kommt wie Du befürchtest, läuft das System verteilt auf verschiedene Standorte und Hardware: http://ball.askemos.org/DevelopmentNetwork Und zugegeben: ob der Latenzen war es auch nötig von vorn herein Erfahrungen aus meiner Zeit als FPGA-Entwickler zu bedenken: von so einem System darf man nicht erwarten, daß es zu jedem Zeitpunkt alle Ergebnisse bereit hält. Drum eine Struktur, die sich bei systolischen Algorithmen bewährt hat. (Auch so ein alter Hut, der heute oft map-reduce genannt wird. Nervt aber, wenn man ständig alles umschreiben muß, weil sich Modewörter ändern. Zumal dann die Gefahr besteht, daß einen die Leute Buzzwordrider nennen.)

In der Praxis geht das zumindest soweit gut, daß Schülerpraktikannten im Archiv des Stadtteilhaus Daten einpflegen können und sich nicht darüber ärgern, daß FB sooo viel schneller ist. Dabei benutzen sie das Testnetzwerk, sprich die Hälfte der Knoten sind Sheeva Plugs.

@AM "Skalierbarkeit": Das System skaliert; die Implementation kennt engere Grenzen. Der Unterschied ist wichtig!: Mit einer Hand voll Leute ist nicht gegen FB anzustinken.

Goßes SORRY an Alle: Die website ist immer nur als Anwendung des schon funktionierenden Codes entstanden. Nicht parallel als Erklärung, leider. Begrenzte Ressourcen eben.

Approppos 2 Mio Zugriffe: da stimmt die Erwartungshaltung nicht: wenn ein Peer gleichzeitig Browser und Server ist/hostet und es ungefähr soviele Server wie Clients gibt, dann gibt es andere Nadelöhre. Auf alle Fälle gibt es Grund genug, am System weiter zu entwickeln. Gleichzeitig reicht es aber auch für den privaten Gebrauch. Screenshot WebDAV auf Askemos

@AM "heiliger Gral der IT": ich behaupte ja nicht, daß die Implementation mit Googles Rechenleistung konkurrieren kann. Askemos könnte auch über eMail+PGP statt HTTPS funktionieren. Allerdings muß man die Erwartung verabschieden, daß man zum Schluß in die Suchergebnisse Werbung einbauen kann.

@AM "Kein technisches System kann es verhindern, wenn der Eigentümer/Betreiber eines Systems/Dienstes dich raushauen will": Das ist ein gewichtiger Punkt. Darum gibt es in einem Askemossystem auch keinen zentralen Eigentümer/Betreiber. Rausgehauen kannst Du deshalb nur werden, wenn Du nicht für Deinen Account nicht genügend Peers findest. Naja, und schade ist, wenn alle anderen Deinen Account behandeln, als wäre er "annonymous coward". M.a.W. die "Peers", die für Deinen Account eine Kopie hosten, gehören Leuten Deines Vertrauens und Du mußt immer (nur) sicherstellen, daß kein ganzes Drittel Dir die Unterstützung entzieht (gleichgültig ob "Ausfall" oder "Vorsatz").

Mehr Hintergrund findet Ihr übrigens hier: http://wwwm.htwk-leipzig.de/~m6bast/RIVL06/RIVL06.html sehr zu empfehlen die Vorlesungen von Hans-Ulrich Niemitz. Ggf. auch hübsch: ein anwaltliches Gutachten.

Oder googlen Rechtssicherheit im Internet - Askemos.

/JFW


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